Morgenstunde

 

Morgenstunde
Ob du wohl auch so schlaflos liegst
Und dich in wachen Träumen wiegst,
Vor Glück, wie sehr die Sehnsucht brennt!
Ich starr ins dunkle Firmament:
Der Morgenstern, in grossen Bogen,
Ist langsam längst heruntergezogen
Und lässt mich lächelnd fühlen, was uns trennt.

Vor meinem schwachen Augen
- Nun weiss ich doch zu was sie taugen -
Strahlt er, je höher her, je flimmernder.
Weihnächtig glänzt die graue Stille.
Oh zögre, Alltag! Ohne Brille
Sieht man die Welt unendlich schimmernder.

Schon aber glitzert sein Gezitter blasser;
Nun steh' ich auf und geb' der Lilie Wasser
Die du mir gestern heimlich brachtest.
Und wenn du mich dafür auslachtest:
Sanft nehm' ich sie von ihrer Stätte
Und leg' sie auf mein warmes Bette
Und fühle lächelnd, wie du nach mir schmachtest.

Richard Dehmel (1863 - 1920 ) 

Richard Dehmel war ein Freund Liliencrons. 
Dehmel war ein Grübler, dem man einen Mangel an Poesie, Lüsternheit, Unnatürlichkeit, Künstelei vorwarf. 
Aber seine Gedankenfülle, sein Bemühen nach einem seiner Persönlichkeit entsprechenden dichterischen Ausdruck wurde auch anerkannt. 
Richard Dehmel gestaltete seine Werke, im Laufe seiner Entwicklung des öfteren noch um. 

Dieses Gedicht " Morgenstunde" empfinde ich als ein sehr schönes Werk, in dessen Worten man wahrlich eintauchen kann. Ein Gedicht welches berührt und in dem man die geschilderte Situation einer heimlich gebrachten Lilie, gepaart mit Sehnsucht nach dem gerade vergangenen und dem noch kommenden, förmlich wahrnimmt.

22.8.08 07:19

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bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Lisa / Website (22.8.08 10:30)
Sehr schön

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